Interview mit Doris Weiler-Streichsbier

Dr. Doris Weiler Streichsbier war bis 2011 stellvertretende Leiterin des Landesmuseums für Kunst und Kulturgeschichte in Oldenburg. Anlässlich der Vorbereitung der aktuellen Ausstellung sprach sie mit Berthold Socha.


Dr. Weiler-Streichsbier: Im Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte in Oldenburg konnte ich in der dort gezeigten Ausstellung ein Auswahl Deiner Arbeiten kennen lernen, die in den letzten 40 Jahre entstanden sind. Ich habe gesehen, wie Du die Fotografie einsetzt, was Dich bewegt, wenn Du fotografierst. Habe gesehen, in welcher ungewöhnlichen atmosphärischen Dichte Du Fundstücke vor den Augen des Betrachters ausbreitest und sie in eine Bilderwelt, die durch Ästhetik besticht, mitnehmen kannst. Die Ausstellungsbesucher haben Dich als einen Geschichtenerzähler kennen gelernt, der mit großem Respekt vor dem Gegenüber, viel Feingefühl, Ehrlichkeit und auch Humor aufgefallen ist. Erwarten uns in dieser Ausstellung neue Geschichten?

Berthold Socha: Es sind, wie Du sagst, wieder Fundstücke, andere Geschichten. Arbeiten aus einer betont ruhigen Welt. Ich sehe zufällig Dinge, die mich an Skulpturen erinnern oder die Installationen bildender Künstler sein könnten. Zufällig entstandene, vielleicht nur für kurze Zeit existierende Strukturen oder auch Bewegungsabläufe sind es. Ich sehe dieses vielfach Unbeachtete, erkenne für mich etwas und halte es fest. Ob sich aus diesen subjektiven Sinneseindrücken Geschichten ergeben, muss der Betrachter für sich entscheiden.

Dr. Weiler-Streichsbier: Auffallend ist, wie Du Bildstrukturen zusammen hältst, Details gekonnt setzt und auch einmal bewusst den Goldenen Schnitt außer acht lassen kannst. Menschliche Eigenschaften hebst Du hervor, ohne Dich auf deren Kosten zu mokieren oder die Personen gar bloßstellen. Das Erahnen und Festhalten des „richtigen“ Momentes beherrschst Du meisterlich. Bist Du auch jetzt diesem Weg treu geblieben?

Berthold Socha: Wenn Du den „richtigen“ Moment ansprichst, denke ich sofort an Cartier Bresson, der mich natürlich bereits in früher Jugendzeit mit seiner Aussage zum „richtigen Augenblick“, stark beeinflusst hat. Nicht, dass ich seine Arbeiten nachahmen wollte, doch die Auffassung, dass nur der eine Augenblick später eine richtige Geschichte zu erzählen vermag, hat mich begeistert. So sind auch in dieser Ausstellung einige Arbeiten dabei, die sehr flüchtige Situationen erfassen.

Dr. Weiler-Streichsbier: Durch unsere Gespräche weiß ich, dass Du beim Landschaftsverband in Münster als Referent in der Kulturabteilung geradezu ein Doppelleben als fotografierender Beamter geführt habst. Immer war Deine Leica mit im Handgepäck. Zu Deinen beruflichen Aufgaben gehörte es auch, den Zustand alter Industrieanlagen, die einmal zu einem Industriemuseum ausgebaut werden sollten, zu besichtigen und auch zu erfassen – nicht im Bild, vielmehr als Aktenvermerk.

Berthold Socha: Richtig, es war nicht mein Feld, fotografisch tätig zu sein. Aber ich habe bei Gelegenheit, d.h. etwa nach Dienstbesprechungen oder Sitzungen des Kulturausschusses, soweit in oder bei den Anlagen getagt wurde, Fotos gemacht. Teilweise bin ich mit dem Direktor Helmut Bönnighausen an Wochenenden noch einmal zu den Standorten gefahren und habe an meinen Bildern gearbeitet. Es ist keine Dokumentation für die Denkmalpflege gewesen. Hier habe ich aber zu sehen gelernt, habe versucht Formen und Strukturen eine andere, eine eigene Aussage zu geben, bevor sie unter gingen.

Dr. Weiler-Streichsbier: Richtig, Dein fotografischer Blick enthüllt Vordergründiges, legt dabei Strukturen frei und formuliert so neue Formzusammenhänge. Wie kommst Du zu dieser ungewöhnlichen Sicht der Dinge? Hast Du ein Vorbild und/oder ist es Intuition?

Berthold Socha: Ein einziges Vorbild, eine bestimmte Persönlichkeit, die mich hinsichtlich meiner fotografischen Arbeiten geprägt hat, habe ich nicht. Es kristallisierten sich im Laufe der Zeit durch die Auseinandersetzung mit der Fotografie Lieblingsthemen heraus, die ich im Hinterkopf habe. Doch wie alle, die sich mit der Fotografie beschäftigen, habe auch ich versucht, die Bildauffassung, die Herangehensweise an bestimmte Themen nachzuahmen und in meinem Sinne weiterzuentwickeln. Mit dem 13. Lebensjahr habe ich meine erste „photokina“ erlebt. Geblieben sind die Erinnerungen an die großartigen Bilderschauen. Aber auch die Fotografien der großen Sternfotografen Robert Lebeck oder Thomas Höpker beeindrucken mich bis heute. Vor ein paar Tagen ist mir eine Publikation von Herbert List in die Hand gefallen. Auffallend für mich ist das Goldfischglas auf Santorin 1937 wie auch die verlassenen Strände oder die historischen Stätten. Bereits in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts hat er im Geiste der Zeit verlassene Orte fotografiert und damit Geschichten erzählt und Gegenständen eine neue Anmutung verliehen, indem er sie freistellte. Für mich ist es eine Freude, solche fotografischen Werke zu sehen und außerdem anregend, meine Themen bewusst zu verfolgen. Doch zugeben muss ich auch, dass nicht nur Cartier Bresson, sondern auch Stefan Moses oder Barbar Klemm und andere große Fotografen stets mitspielen, wenn ich fotografiere. Bildgeschichten haben mich stets fasziniert.

Dr. Weiler-Streichsbier: Indem Du neue Bilderwelten schaffst, weist Du nicht nur auf zusammengesetzte Strukturen oder ein verändertes Spiel von Licht und Schatten hin, sondern zauberst zugleich eine eigene Atmosphäre herbei und eine weitere Bildgeschichte findet ihre Fortsetzung im Kopf des Betrachters.

Berthold Socha: Toll wäre es, wenn sich der Betrachter in eigenen Geschichten verlieren würde und somit bei aller Hektik unserer Zeit Momente der Ruhe und sinnlichen Entspannung erfährt, wenn er vor den Bildern steht. Vielleicht geht die Rechnung auf.

Dr. Weiler-Streichsbier: Herzlichen Dank für das Gespräch und viel Erfolg bei Deiner weiteren Arbeit.