Ein Spaziergang in Japan

Ein Spaziergang in Japan

Die prächtige Geisha war gekommen, um uns die Zeremonie der Teebereitug vorzuführen, eine der obligatischen Künste der Tänzerinnnen. Sie nahm Platz vor einem kleinen Lacktischchen, auf dem allerlei rästelhafte Gerätschaften lagfen und beann lautlos zu hantieren. Da gab es Schalen, Schöpfer usw und eine Urne, die ein Loch hatte, in dem Kohlen glühten. Zuerst wurde die Teeschale gerenigt, Extrakt hineingegeben, dann Wasser aufgegossen. Man könnte glauben, das ginge rasch, was versteht ihr von solchen Dingen, es dauerte eine halbe Stunde. Jede Bewegung ist vorgeschrieben und tausendfach geübt, die Etikette des ganzen China in einer Tasse Tee! Man irrt sich, wenn man glaubt die Schale werde einfach ergriffen. Nur keine barbarischen Tölpeleien! Die Schale wird nun und nimmer ergriffen. Die bleiche kleine Hand der Geisha gletet langsam, ganz langsam nach vor, der Schale entgegen, hald Geduld, sie nimmt die Schale noch lange nicht. Sie ruht eine winzige Sekunde, die weißsamtenen Finger öffen sich und — halt! — diese Finger nehmen eine sanfte Pose an, nur keine Übereilung, sie warten eine winzige Sekunde, sie berühren die Schale und — halt! — oh, einen Augenblick! — die bleiche scöne Hand gleitet zurück, und es ist ganz zufällig, dass die Schale der Liebkosung der weißsamtenen Finger folgt. Ergriffen, so granz im allgemeinen, wird hier nichts. Pause. […] Den Tee konnte man nicht trinken. Er war dick und grün, eingekocht.

– Bernhard Kellermann: “Ein Spaziergang in Japan”, Berlin 1924

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